Gastkommentar von Hybrid-Hürthi
Die Spur des Geldes im Fußball
… hat in den letzten anderthalb Jahrzehnten einen großen Bogen um die Essener Hafenstraße gemacht und eher als mehrspurige Autotrasse nach Gelsenkirchen und Dortmund geführt. Im ganz großen Fußballgeschäft ist sie sogar noch mit infantinösen riesigen Schleimspuren regelrecht geschmiert.
Langsam, aber sicher scheint sich das auch nach langen Jahren in den Niederungen der Regionalliga – quasi im Outback des deutschen Profifußballs – in Bergeborbeck zu ändern.
Auf der Einnahmenseite der Rot-Weißen werden die neuen Sponsoringdeals mit dem Namensvetter RWE und erstmals in der Vereinsgeschichte mit ThyssenKrupp als Hauptsponsor der Jugend und das unveränderte Fortbestehen der Zusammenarbeit mit ifm zu Recht von den Fans gefeiert. Diese Entwicklung kann man nur uneingeschränkt positiv werten, der regionale Bezug der Ankersponsoren ist allerdings Segen und große Verpflichtung zugleich. Denn Versäumnisse des Vereins und mögliches Fehlverhalten der Fans schlagen meiner Meinung nach bei lokalen Sponsoren doppelt zu Buche, weil sie möglicherweise auch mittelbar ein schlechtes Licht auf die Partner werfen.
Die Grundvoraussetzung und entscheidende Weichenstellung für die wegweisenden Sponsoringabschlüsse war sicherlich die Umbesetzung des Aufsichtsrates mit viel Wirtschaftskompetenz. An dieser Stelle spinne ich den Faden einfach mal weiter, obwohl es mir als Fußballromantiker und -Nostalgiker bisweilen schwerfällt. Wie wäre es mit einer konzertierten Aktion der Essener Wirtschaft zugunsten von RWE nach dem Bielefelder Vorbild, das Gerry Weber seinerzeit ins Leben gerufen hat. Evonik, das schon als Top-Partner wieder an Bord ist, Hochtief, Deichmann und alles, was Rang und Namen hat in Essen. Dazu als Markenbotschafter Andreas Rettig – Happo hat ihn in seiner Kolumne erwähnt -, der sowohl über Reputation und Ansehen in Wirtschaftkreisen als auch aufgrund seiner Authentizität und Offenheit über ein hohes Standing in rot-weissen Fankreisen verfügt. Träummodus aus.
Trotz der uneingeschränkt positiven Entwicklung des Sponsorings besteht allerdings noch in Relation zu den Einnahmen aus Spielbetrieb, Mitgliedschaft und Merchandising großer Nachhol- und Steigerungsbedarf. Denn ein Großteil der Einnahmen generiert sich noch aus den letztgenannten Bereichen, in denen Steigerungspotential rigoros ausgeschöpft wird. Bei den Mitgliedsbeiträgen spielt RWE in der ersten Liga, die Ticketpreise sind kontinuierlich angehoben worden, und RWE hält ligaweit den zweiten Platz bei den Dauerkartenpreisen. Die Forderung nach einer Antrittsgebühr bei Freundschaftsspielen in der Region bewirkt in der Konsequenz, dass selbst bei diesen Spielen den Fans sehr hohe Eintrittspreise abverlangt werden.
Mindestens genau so viel hat sich auch auf der Ausgabenseite getan: Den Vogel haben die Ultragruppierungen abgeschossen. Die rund 300 000 Euro Strafgelder für Pyro, Raketen etc. bedeuten den ersten Platz in der Dritten Liga. Sie können sich mit dem zweifelhaften Titel „Strafenhauptsponsor des DFB“ brüsten. Was passiert eigentlich mit dem Anteil, der für sog. Präventionsmaßnahmen durch den Verein verwendet werden kann? Ein Schutzraum für Frauen im Stadion wäre doch mal eine sinnvolle Maßnahme.
Auf den ersten Blick sinnvoller angelegt als die Strafen scheinen die Ablösesummen zu sein, mit denen der Verein zuletzt Spieler verpflichten konnte. Aus der Sicht der großen Profi-Welt sind dies äußerst bescheidene Summen. Doch wenn ein junger talentierter Spieler beispielsweise für eine kolportierte Summe von 100 000 Euro verpflichtet werden kann, entspricht das immerhin dem Gegenwert von 200 Dauerkarten auf der Rahn, und dafür ist er noch nicht einen Tag bezahlt.
Gerade bei jungen, talentierten, entwicklungsfähigen Spielern wie z. B. Bouebari oder Hofmann ist das aus Sicht der Verantwortlichen auch eine Wette auf die Zukunft, denn interessante Ablösesummen winken, sollten sie einschlagen und klauselfreie Verträge haben, Vonic und Moustier mögen als Anschauungsmaterial dienen.
Diesen Gedanken sollte man nie vernachlässigen, wenn man sich über solche Verpflichtungen freut. Denn betreffend Vereinswechsel ist nach über zehn Jahren absoluter Ruhe mit Ausnahme der Abgänge von Heber und Pröger eine neue, bis dato fast nicht gekannte Dynamik entstanden, die mit den Abgängen von Götze und Co. Fahrt aufgenommen hat und sich weiter entwickeln wird. Bis dahin gab es bei Abgängen oft nur zwei Kategorien: ein „Nicht mehr gewollt“ wie z. B. bei Tomiak (denke heute noch voller Bewunderung daran, wie gut unser Uralter Pidder Dahl ihn eingeschätzt hat), Quarshie und Müsel, das „Nicht zu halten“ wie bei Götze und Mizuta wird zunehmen, da natürlich durch sportlichen Erfolg die Begehrlichkeiten anderer Vereine geweckt werden. Wie wird sich der Fan damit anfreunden, sollte sich RWE auf Sicht zu einem Ausbildungsverein mit ständiger großer Kaderfluktuation entwickeln? Die Zeiten von langjähriger Vereinszugehörigkeit sind bedauerlicherweise vorbei, und Gesänge wie „Willi, Du darfst nicht gehen“ wie in den Siebzigern wird es wohl leider auch nicht mehr geben. Obwohl für Götze, Mizuta, Müsel hätte ich das gern angestimmt und für Jakob Golz zukünftig allemal.
Die Spur des Geldes wird letztendlich auch noch bei den Schlussakkorden der endgültigen Gestaltung des aktuellen Kaders für die kommende Saison eine Rolle spielen. Den jetzigen Kader assoziiere ich irgendwie spontan mit dem Sonnensystem mit unglaublich guten Trabanten und Planeten in Form von sehr guten und talentierten Spielern, dem allerdings noch der absolute Mittelpunkt fehlt. Nicht etwa ein Sonnenkönig wie einst bei den ungeliebten Nachbarn östlich von Essen, sondern das Herz der Mannschaft, ein Sechser und ein Zehner, Takt- und Impulsgeber, verlängerter Arm des Trainers, Dreh- und Angelpunkte des Spiels. Sollte sich in den kommenden Wochen auf diesen Positionen noch Entscheidendes tun, zähle ich die Roten zu den Topfavoriten in der beginnenden Saison, andernfalls wird‘s vermutlich sehr schwierig, den dritten Platz der letzten Saison zu bestätigen oder gar zu toppen.
Hoffen wir auf das Beste und träumen ein wenig weiter,
denn der RWE ist wieder da.

Zur Person:
„Happo hat mich Hürthi getauft, quasi meine Essener Identität. Mein richtiger Name lautet Horst Dombrowski. Aufgewachsen bin ich in Holsterhausen und Rüttenscheid. Der Droge RWE bin ich seit 1966 verfallen. Durchs Studium kam ich 1975 nach Köln, später nach Hürth. Die Leidenschaft für die Rot-Weissen hat sich bis heute erhalten. Bisweilen gehe ich meiner Umgebung hier damit auf den Wecker. Aber das gehört dazu, mehr denn je“.
Lieber Hürthi,
zunächst einmal ein dickes Danke für die Mühe.
Wie immer, ein herausragender, absolut lesenswerter Beitrag.
Die Frage, was mit den Strafgeldern für Präventivmaßnahmen KONKRET geschieht, habe ich unlängst für das Medium „Was geht, RWE“ gestellt.
Möge der Fußball und auch unser RWE nicht seine Seele verkaufen.
Eine sehr treffende Beschreibung der Entwicklung von RWE und der Erwartung für die Zukunft. Die weitere Professionalisierung von RWE ist absehbar und kaum aufzuhalten, siehe auch die neuen Ergüsse zum Thema des öffentlichen Trainings. Geld für RWE vs. Emotionen der Fans, ein schwieriges Spannungsfeld.
Top Kommentar Horst !
In unserer heutigen Zeit ändern sich die gesellschaftlichen Verhältnisse immer schneller und diese Entwicklung wird sich wohl sogar noch deutlich weiter beschleunigen. Und wer nicht bereit oder eben irgendwie überhaupt ( auch finanziell !!! ) imstande ist, da mitzugehen, wird über kurz oder lang komplett auf der Strecke bleiben.
Und genauso verhält es sich eben leider auch im Fußball.
Zu glauben unser RWE könne sich da rausnehmen – und auf seiner eigenen einsamen Wohlfühlinsel sein Dasein fristen, fernab dieser immer hässlicher werdenden Durch-Kommerzialisierung – und könne dabei dennoch sportlich mithalten, wird künftig leider nachhaltig immer öfter eines „Besseren“ belehrt werden !
Ich habe aber trotz allem immer noch einen kleinen Funken Rest-Hoffnung, daß sich unser Klub wenigstens noch einen kleinen Funken „Andersartigkeit“ und damit Alleinstellungs-Merkmal dauerhaft wird erhalten können.
Ich möchte jedenfalls als RWE-Fan nicht irgendwann mal in der 08/15-Einheitsbrei-Suppe der anderen längst „angepassten“ Klubs eintauchen und untergehen !
Mal wieder ein sehr, sehr guter Gastkommentar.
Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre ist in der Tat atemberaubend.
Meine Sorge ist, dass dabei das menschliche vergessen wird und auf der Strecke bleibt.
Auf den Punkt, Horst!
Aber, all das Geld, die Zahlen die Perspektiven lassen mich zweifeln, ob das noch mein RWE ist, den ich vor über 55 Jahren, als kleener Junge, auf der Westtribüne angefeuert habe.
Die handelnden Direktoren, auf allen Ebenen bei ROT-WEISS ESSEN, entfernen sich immer mehr von meinem Fan denken, Fan sein, Fan leben, Fan erleben.
Nur mein empfinden….
Ein echter „Huerthie“ halt, sehr gute Analyse.