Immer wieder entbrannten während der abgelaufenen Saison in Fankreisen und auch in diesem Forum die Diskussionen über die Arbeit der Kaderplaner Steegmann/Flüthmann & Pfeifer, den Einfluss des Trainers Koschinat auf Spielerverpflichtungen und -Abgängen. Aufhänger war zumeist die große Zahl an Spielern, die die sportlichen Erwartungen nicht erfüllten, denen ein Vereinswechsel nahegelegt wurde oder die gar bereits vor Saisonbeginn oder während der Saison zu anderen Vereinen wechselten oder wechseln sollten.
Der Kader der nicht mehr gewollten, nicht mehr gebrauchten Spieler oder sportlich absolut enttäuschenden Spieler ist mit mehr als Mannschaftsstärke sehr umfangreich, ich hoffe, dass ich alle berücksichtigt habe:

- abgegeben wurden:
Martinovic (schon im Sommertransferfenster)
Arslan (im Wintertransferfester)
Bazzoli (Neuzugang, sofort verliehen)
Celebi (Vertrag verlängert, verliehen)
Moustier (im Wintertransferfenster verkauft)

- Abgang nahegelegt:
Janssen (Neuzugang, den man unbedingt schon vorher verpflichten wollte, Abgang schon vor dem Saisonstart nahegelegt)
Kaiser
Owusu
Mause

- in die Zweite Mannschaft (Bezirksliga) versetzt:
Brüning
Schulte-Kellinghaus

Spieler, die sportlich enttäuschten, die teilweise wenig oder gar keine Berücksichtigung fanden oder wenig gefördert wurden oder rausrotierten:
Schmidt
Obuz
Kraulich
Swajkowski

Neuverpflichtungen im Wintertransferfenster:
Hüning
Reisig
Abiama
Schmidt
Casali

Nicht unerwähnt bleiben darf meines Erachtens die Posse im Wintertransferfenster um Ramien Safi, für den wohl ein für RWE lukratives Angebot von Eintracht Braunschweig vorlag, der aber wohl auf Intervention von Trainer Koschinat an der Hafenstraße blieb, obwohl er jetzt ablösefrei wechseln kann.

Das sind die nackten Zahlen und Fakten einer wie ich finde bedeutenden Unruhe in einem Drittligakader während einer sportlich erfolgreich verlaufenen, jedoch leider nicht vom Aufstieg in die Zweite Liga gekrönten Saison.

Worin liegen die Ursachen für die offensichtliche Diskrepanz zwischen den Personalplanungen der sportlichen Leitung und den Einschätzungen des Cheftrainers Uwe Koschinat, die ihren Niederschlag in den Spieltagsaufstellungen fanden und die letztendlich zur oben dargestellten Problematik führten?

Die fehlende stringente Spielidee

Nennen wir es Hafenstraßenfußball, RWE-Gen oder wie auch immer, die Definition dessen, was wir von unseren Rot-Weißen ob zu Hause oder auswärts erwarten können, und an der Christian Flüthmann kolportiert seit Jahren arbeitet. Die vor allen Dingen auch im Groben ein Spielsystem vorgibt, das sowohl von allen Juniorenteams als auch von den Seniorenmannschaften mit Leben gefüllt wird. Das letztendlich auch den Maßstab sowie die Richt- und Leitlinie für die Kaderplanung darstellt. Nicht unbedingt in Stein gemeißelt wie das legendäre 4-3-3 der Niederländer zu Zeiten Johan Cruyffs, aber doch schon richtungweisend.

Nehmen wir als Beispiel die Folgen der Entscheidung Dreier-/Viererkette auf die Kaderzusammensetzung. Bei ersterem habe ich einen größeren Bedarf an schnellen Innenverteidigern, lauf- und spielstarken Schienenspielern, weniger an offensiven Flügelstürmern. Konkret auf die Saison bezogen, hatte der mehrmalige Systemwechsel zur Folge, dass Spieler wie Kraulich, Owusu, Obuz etc. bei Systemwechsel rausrotierten bzw. gar keine Verwendung für sie bestand. Wie kann man einen Marvin Obuz unter großem finanziellem Aufwand und extremen Bemühungen verpflichten, wenn man mit Schienenspielern agieren will und somit gar keine Verwendung für ihn hat?

Ähnliches trifft auf die zahlreichen Mittelstürmer zu, da lange Zeit auf Safi als falscher Neun gesetzt wurde. An diesen Beispielen zeigt sich schon die Diskrepanz zwischen der Kaderplanung und dem, was unserem Trainer Koschinat offensichtlich vorschwebte, obwohl sich mir das lange Zeit nicht erschloss, denn allzuoft wurde zwischen den taktischen Marschrouten gewechselt, das nicht allein saisonübergreifend, sondern auch während der Spiele (siehe Spiel in Wiesbaden). Offensichtlich steht er für einen defensiv kontrollierten Fußball, für eine starke Orientierung auf Standardsituationen, seien es Freistöße, Eckbälle oder die langen Einwürfe, und den Kampf um die zweiten Bälle mit anschließenden überfallartigen Kontersituationen über die Allzweckwaffe Safi. Bei der Ausführung der Standards haben die Spieler offensichtlich wenig individuellen Spielraum. Kurz ausgeführte Ecken gab es so gut wie gar nicht, schnell ausgeführte Einwürfe wie z. B. vor der Großchance von Swajkowski in Fürth auch nicht, und die erste Ecke von Mizuta mit Schnitt vom Tor weg war auch erst vier, fünf Spiele vor Schluss zu beobachten.
Oft wenn es in den Spielen oder für den Trainer eng wurde, fiel er in alte Muster des Defensivfußballs zurück, z. B. beim Sieg gegen die Hoffenheimer Bubis, als ihm ausgerechnet der viel geschmähte Mause mit seinen Toren vermutlich den Job rettete. Trotzdem schaffte er es nicht, in seiner ureigenen Domäne, der defensiven Stabilität, die Flut von Gegentoren einzudämmen.

Die vielen taktischen Umstellungen während der Saison, bedingt und angestoßen von wem auch immer, und letztlich irgendwo auch die Flucht nach vorn in die Offensive verstärkten meinen Eindruck, dass der Trainer in diesem System wenig authentisch wirkte und irgendwo auch mit Teilen des auf Offensive zusammengestellten Kaders fremdelte. Zugutehalten muss man Uwe Koschinat einige Personalrochaden wie die Neuformierung der linken Seite mit Bouebari und Brumme, die Verschiebung von Mizuta auf die Zehn, die Aufwertung der Rolle von Müsel und zum Schluss die Förderung von Hüning und sehr spät von Swajkowski mit der einzigen Einschränkung, dass sie vielleicht zu spät erfolgten.

Was die Punktausbeute betrifft, hat er bis auf ein paar Unentschieden auf Strecke beinahe das Optimum erreicht. Nicht zuletzt auch durch die vielen Gegentore war die Dramatik in den meisten Spielen so gut wie immer gegeben, was fehlte, war oft bei eigenen Führungen ein Stück weit Souveränität und Killermentalität. Ich kann so gut wie kein Spiel erinnern, bei dem man sich als Zuschauer entspannt zurücklehnen und das Spiel der Roten genießen konnte. So war es oft eine Achterbahnfahrt während der Spiele, aber auch während der Saison, wobei die Wellenbewegungen am Ende - auf sieben Siege folgten drei verheerende Niederlagen - größer wurden.

Was für Uwe Koschinat vermutlich zutrifft, gilt wahrscheinlich auch für die Mannschaft, zumindest für die Spieler, die bis zum Schluss dazugehörten. Beide - Kader und Trainer - waren meines Erachtens nicht vollends glücklich miteinander. Der Trainer wurde gezwungen, ein System spielen zu lassen, das in Teilen nicht seiner Grundeinstellung entspricht, einigen Spielern erging es sicherlich ähnlich. Dennoch hat die Mannschaft und der Staff bis zum Schluss alles gegeben, um sich und uns den Traum vom Aufstieg in die Zweite Liga zu erfüllen. Von daher ist niemandem ein Vorwurf zu machen, im Gegenteil können wir dankbar sein, dass alle gemeinsam Rot-Weiss Essen deutschlandweit gut repräsentiert haben.
Mit einer stringenten, klar definierten und von allen Verantwortlichen und Beteiligten verinnerlichten Spielidee, die der Verein entwickelt und größtenteils zum Maßstab des Handelns macht, kann man die meisten der Probleme, die ich versucht habe zu beschreiben, umgehen. Man sucht wie z. B. Verl oder andere Clubs einen Trainer, der dazu passt und die Spielidee lebt, stellt danach einen Kader zusammen, der das genauso verinnerlicht wie der Staff.

Ich persönlich will keinen Koschinat-Fußball, auch keinen Titz- oder Dabrowski-Fußball oder gar einen von Pliska und dem später relativ berühmten Erich Ribbeck, den Trainern meiner ersten Spielzeiten als RWE-Fan. Sondern ich möchte Hafenstraßenfußball, der der RWE-DNA entspricht und mit dem ich als Kind angefixt wurde bzw. sozialisiert wurde, wie man heute so schön sagt. Bisweilen rau, engagiert, nach vorn orientiert, kämpferisch und mit Raum für Individualisten wie zum Beispiel einst mein Idol Willi Lippens. Ein Fußball, der einen von den Bänken reißt wie neulich erst im Relegationsheimspiel gegen Fürth. Dann zieht es einen wieder mehr zur Hafenstraße, und die relativ weite Anfahrt und Rückfahrt fällt um ein Vielfaches leichter als in dieser Saison.

Der RWE ist wieder da!