Bilanz einer nicht normalen Saison

  1. Das Sportliche

“Life is a rollercoaster” – als der irische Sänger den Song 2000 geschrieben hat, kann er eigentlich nur die abgelaufene Saison 2025/26 vor Augen gehabt haben. Wow, welche Weitsicht. Wer RWE-Fan ist muss emotional was abkönnen, die berühmt berüchtigte „Wilde Maus“ ist für ihn Kindergeburtstag. Auch wenn manch einer irgendwann „emotional raus ist“ und nur noch zur Kenntnis nimmt, ist er spätestens nach drei Wochen wieder mittendrin statt nur dabei. (kleine Anmerkung: diese Zeilen hatte ich vor dem Podcast – Vonne Hafenstraße – vom 27.05.2026 geschrieben, Martin Herms benutzte nahezu den identischen Wortlaut).

Wie bewertet man eigentlich halbwegs sachlich eine Saison, in der man bis zur 70. Minute des 34. Spieltages schon die Großorder an den Getränkemarkt seines Vertrauens rausschicken konnte und danach aber nur noch Rocky Horror Show folgte? Um dann in der 92. Minute des letzten Spiels doch noch die Chance zum Aufstieg bekommt, nicht nur weil man selber trifft, sondern der Mitwerber nahezu zeitgleich nur den Pfosten auf Festigkeit prüft.

Im Grunde wie immer, nämlich von vorne. Nach der erfolgreichen Rückrunde der Vorsaison und einiger namhafter Zugänge bzw. Rückkehrer, gehörte man zumindest zum erweiterten Kreis der

Aufstiegskandidaten, bei Rot-Weiss heißt das eigentlich immer, wer soll uns aufhalten? Und dann zum Saisonauftakt gegen Topfavoriten 1860, ein leistungsgerechtes 1:1 ließ erstmal keine Probleme erahnen, beim anschließenden Unentschieden in Havelse und bei der Elferorgie gegen die Printen, kamen schon die ersten Zweifel auf. Danach kam man dann zwar in die Spur, aber weder fussballerisch noch ergebnistechnisch (nur einmal zwei Siege in Folge) konnte man ein wenig Euphorie an der Hafenstrasse entfachen, im Gegenteil, insbesondere der Coach war heftiger Kritik ausgesetzt, neben der wenig überzeugenden Leistungen, sorgten regelmäßig seine Personalentscheidungen für Unruhe.

Das Ergebnis zur Halbrundenpause konnte sich jedoch mit Platz 5 und zwei Punkten Rückstand auf einen Aufstiegsplatz durchaus sehen lassen. Darüber hinaus schien man sich von der Vereinsspitze her genötigt, den möglichen Aufstieg als Saisonziel zu definieren, also nahm man Geld in die Hand und marschierte über den Spielermarkt, dabei wirkten allerdings einige Dinge nicht wirklich abgestimmt. Der Verlust von Moustier war nicht zu verhindern, das Abschieben von Arslan jedoch gewollt. Das Ergebnis war auf Grund der Personaldurchwürfelung ein erneuter Holperstart, mit magerer Punkteausbeute, die vorderen Plätze verlor man ein wenig aus den Augen, Tiefpunkte waren die Pleiten in Osnabrück und Rostock. Nicht wenige machten hier bereits einen Haken an die Spielzeit oder waren „emotional raus“. Aber wie so oft entpuppte sich die 3. Liga als Wundertüte, nicht immer wirklich überzeugend, sackte man 7 Siege in Folge ein und stand plötzlich 5 Spiele vor Saisonende auf einem direkten Aufstiegsplatz, bis zur 72. Minute hatte man gar den direkten Konkurrenten auf sieben Punkte distanziert, aber dann kam sie halt, die öminöse 72. Minute, wurde aus der Achter- eine Geisterbahn.

Aber selbst die hatte noch die bereits oben beschriebene positive Überraschung parat. Das man dann im Relegations-Rückspiel in Fürth durch dieses eklatante Liegenlassen von fünf Hundertprozentigen die (unverhoffte) Aufstiegschance fahrlässig liegen ließ, passt zum Saisonverlauf. Am Ende jeder Achterbahnfahrt steht halt der Endpoller, den Begriff „Pfosten“ wollte ich hier absichtlich nicht benutzen.

Wenn man die Leistungsfähigkeit der Mannschaft betrachtet, muss man wohl erkennen, dass sie im Grunde nicht aufstiegsreif war. Die Bilanz gegen die direkten Mitwerber aus der oberen Tabellen-region waren einfach zu dürftig, noch gruseliger sind die Gegentore, damit steigts du eigentlich ab und mit Sicherheit nicht auf. Das fehlende Tempo, insbesondere aller Innenverteidiger und auch defensiven Mittelfeldspieler, führten zudem zu 15 (!!!!) Elfmetern und neutral betrachtet waren die alle berechtigt. Womit das Hauptmanko benannt wäre.

Was die Mannschaft jedoch auszeichnete war der unbändige Wille bis zum Ende den Erfolg zu suchen, scheiterte aber sowohl an der Defensivschwäche, als auch an dem fahrlässigen Umgang mit Torchancen, vor allen in Kontersituationen. Es war mitunter zum Haareraufen. Das man trotzdem 78 (!!!!) Tore erzielt hat, ist wiederum absurd. Bei einer besseren Ausnutzung wären 100 Tore locker zu erreichen gewesen.

Neben der mannschaftlichen Geschlossenheit war auffällig, dass es keinem Spieler gelungen ist, über einen längeren Zeitraum eine konstant gute Leistung auf den Platz zu bringen. Immer wieder waren Spieler wie Müsel, Brumme, Mizuta, Hofmann und Janssen nur für eine Phase der Saison präsent und machten den Unterschied. Auch und wahrscheinlich eine der Hauptgründe für die leistungsmäßige Achterbahnfahrt.

2. Der Trainer

    Vorweg, ich mag den Trainer, ich mag seine Art und irgendwie passt er an die Hafenstraße. Am meisten bin ich von seiner Analytik der Spiele in Pressekonferenzen und Interviews beeindruckt, darüber hinaus gehört er für mich rhetorisch zu den Top 5-Trainern in Deutschland. Manch einer hält es für Geschwafel, diese Auffassung teile ich absolut nicht, für mich ist das inhaltlich gehobenes Niveau. Auch sein respektvoller Umgang mit den gegnerischen Trainern und Mannschaften findet man heutzutage nur noch selten. Ich schätze solche Charaktereigenschaften.

    Aber natürlich muss die Trainerleistung Bestandteil einer Saisonbilanz sein, natürlich ist der Trainer in vielen Dingen auf Grund seiner Entscheidungen mit in der Verlosung. Ohne Zweifel präsentierte die Mannschaft über weite Phasen der Saison einen unattraktiven Fussball, der von einem gewissen Sicherheitsdenken geprägt war, insbesondere in der Hinrunde gelang es eigentlich nie ein Feuer zu entfachen. Wie groß der Anteil des Trainers hier war, lässt sich allerdings schwer beurteilen, da wir ja schließlich nicht bei der taktischen Besprechung dabei waren. Auch die ständigen Personalwechsel auf entscheidenden Positionen trugen nicht dazu bei, dass sich eine eingespielte Mannschaft präsentierte, vieles blieb Stückwerk und oftmals hatte man den Eindruck, dass der Eine nicht wusste, was der Andere tat. Einer der Gründe hierfür könnte sein, dass der Kader zu groß war und sich Koschinat offensichtlich veranlasst fühlte, jeden mal spielen lassen zu müssen um ihn bei Laune zu halten. Zumindest hat sich Koschinat auch mehrfach dazu geäußert, dass ihm der Kader zu groß wäre, ein wesentlicher Unterschied zur Rückrunde der Vorsaison, wo unter Koschinat eigentlich immer die 11 selben Spieler zum Einsatz kamen und so auch mit ihrer Eingespieltheit am Ende souverän den Klassenerhalt erreicht haben. Vergleichbar war in dieser Saison eigentlich nur die Siegesserie vor dem Cottbus-Spiel.

    Darüber hinaus war offensichtlich auch die Kaderplanung nur sehr eingeschränkt mit ihm abgesprochen war. Das nahezu alle „Königstransfers“ wie Bazolli, Mause, Obuz und in der Winterpause Schmidt sich als Flops präsentierten, kann nur zum Schluss führen, dass Koschinat diese Spieler gar nicht wollte, sich allerdings auch keiner wirklich aufgedrängt hat. Da ist leider von beiden Seiten her eine Menge an Energie verpufft. Ein weiterer Negativfaktor war natürlich auch der Umgang mit einigen Spielern, wobei auch hier muss man ohne Details und Hintergründe zu kennen, in der Bewertung vorsichtig sein. Allerdings waren die Entscheidungen in den Fällen Martinovic, Arslan und zeitweise Janssen schon recht fragwürdig. Dass die Mannschaft jedoch einen derartigen Zusammenhalt gezeigt hat, spricht dennoch dagegen, dass das Verhältnis Mannschaft/Trainer gestört gewesen wäre. Auch das Moustier, Bazolli, Celebi und zum Public Viewing auch Arslan zu den Spielen gegen Fürth da waren untermauert diese Bewertung.

    Bei aller (berechtigten?) Kritik steht dennoch die Bilanz von 70 Punkten, Platz 3 und denkbar knappes Scheitern in der Relegation zu Buche, das funktioniert nicht mit einem Trainer der nichts kann.

    3. Die Stimmung

    Ein weiterer Faktor ist für mich, auch wenn man es an der Hafenstrasse nicht gerne hören wird, die fehlende Euphorie und Support, insbesondere zu Hause. Dass sich das Ganze in den letzten Spielen gegen Verl und Fürth geändert hat, lag wohl an der Dramaturgie und lässt sich nicht auf den Rest der Saison übertragen.

    Die „West“ mag zwar jedesmal pickepackevoll gewesen sein, doch in der Regel erklang von hier ein monotoner Singsang, der eher einschläfernd als antreibend wirkte. Auf der Rahn ging von wenigen

    Ausnahmen auch selten ein Roaaar aus, zumal diese meist auch nur spärlich gefüllt war, große Lücken waren keine Seltenheit.

    Wenn man dagegen betrachtet, was in der westlichen Nachbarstadt so abging, Empfang des Mannschaftbusses etc., sollten wir hinsichtlich Stimmung die Füße stillhalten, vom Support der Cottbusser mal ganz abgesehen. Spitzenreiter sind wir hier nur bei den Strafen, über 200.000,- € und ein versauter Ruf muss man erst mal hinkriegen. Vielleicht auch ein Vorteil nicht aufzusteigen, denn hier erreichen die Strafen für dieselben Vergehen schon mal das 10-fache.

    Ich möchte hiermit kein Fan-Bashing betreiben, im Gegenteil, die Unterstützung der Kurve, vor allen auswärts, kriegt die Mannschaft und die Fan-Reaktionen bei den wirklich schwachen Darbietungen ist absolut zu loben, da haben wir an der Hafenstraße schon ganz andere Momente erlebt. Überragend war zudem der Zuspruch an die Mannschaft nach dem Fürth-Spiel, aller Ehren wert. So wünscht man sich das.

    Problematisch ist allerdings oftmals das Reststadion, hier springt trotz „Ausverkauft“ nur selten der Funke über, manchmal erscheint mir der Anteil „Erfolgsfans“ sehr hoch zu sein oder ist es die Erwartungshaltung, jeden Gegner aus dem Stadion schießen zu müssen. Die 3.Liga funktioniert allerdings so nicht, da die Leistungsdichte schon recht hoch ist. Kantersiege sind eher selten, auch wieder paradox, dass genau wir daran zweimal mit 1:6 beteiligt waren.

    Eine Stimmung und Lautstärke wie gegen Fürth würde man sich immer wünschen, ist aber unrealistisch, trotzdem geht mehr.

    Gut, dann will ich mal etwas über mich erzählen.

    Der Weg zu RWE war im Grunde schon durch Geburt vorgegeben, war wohl Schicksal, wenn man in ca. 1.000 Meter Luftlinie zur Hafenstraße 97A geboren wird und aufwächst.

    Meine ersten Begegnungen mit unserem Verein geschahen also zu Zeiten, als es noch die kleine Gruga und den Minigolf-Platz gab. Fußball wurde jederzeit und jeder Ort gespielt, meist zum Ärger der Nachbarn, die gerade vonne Nachtschicht kamen. Störte uns aber herzlich wenig. Der Ball donnerte trotzdem im Minutenabstand gegen das Garagentor, Schluss war erst, wenn der Ball in der angrenzenden „Köttelbecke“ landete. Da ich meistens im Tor stand, war die Gefahr, die Kirsche am nächsten Auffanggitter rausholen zu müssen, ziemlich gering. Irgendwie war ich schon immer ein clever Kerlchen.

    Und dann waren da diese Gesänge, die Samstag nachmittags ab spätestens 15.30 Uhr zu hören waren – mal unterbrochen durch einen urwüchsigen Torschrei oder ein knarziges Raunen. Tor für RWE oder knapp vorbei. So habe ich in den 60zigern meine ersten RWE-Spiele verfolgt.

    Je älter ich wurde umso größer wurde natürlich der Wunsch, das Ganze auch mal „live“ (ich glaube, dieses Wort gab es damals noch gar nicht) zu erleben. Das erste Mal war es dann wohl 1969 bei einem Spiel der Aufstiegsrunde, Gegner und Ergebnis sind mir leider nicht mehr parat – man wird ja nicht jünger.

    Danach wurde es dann regelmäßiger, denn es galt damals noch die Regel, dass ein Erwachsener ein Kind umsonst mit ins Stadion nehmen durfte. „Onkel, kannst Du mich mit rein nehmen?“ war wohl die erste Frage meines Lebens, die ich fehlerfrei beherrschte.

    Und dann spielte unser Verein nach mehreren Auf- und Abs, auch mal mehr als eine Spielzeit in der Bundesliga, die Spielzeit 75/76 werde ich nicht vergessen, was für eine grandiose Mannschaft – Blasey, Rynio – Wörmer, Neues, Lorant, Dörre, Bast, Fürhoff, Burgsmüller, Lippens und natürlich der aufgehende Stern Hrubesch. Klasse Spiele, tolle Siege – am Ende aber knapp an der UEFA-Cup-Quali gescheitert. In der nächsten Saison begann der langsame Abstieg. Freude machte in dieser Abstiegssaison eigentlich nur dieser kleine Däne auf rechts – wie hieß er noch: Lund, Flemming Lund!

    Leider gab es danach von wenigen Ausnahmen (Aufstiegsspiele, Pokal-Finale und diverse Pokalschlachten) abgesehen nur noch selten richtig Freude, Tränen dafür umso mehr. Aber trotzdem immer wieder hin, auch weil es anne Hafenstraße so viele tolle Typen gibt. Viele gehörte Dialoge und Szenen kriegt kein Drehbuch-Autor besser hin. „Ruhrpott at his best!“

    Schön, dass es mir gelungen ist, auch den Nachwuchs und den Rest der Familie zu infizieren. 

    Neben meiner Frau (1.Stelle), meinen Töchtern (2.Stelle) und RWE gilt meine vierte große Leidenschaft der Musik – hangedengelt, live und in Farbe – und mit UU-Kappe.